Eine analytische Triade
Walter Seitter
1
Im Falle von Lacans Pariser Wohnung zeigen die geschlossenen Fensterläden an, daß der Bewohner nicht mehr da ist. Und daß die Wohnung quasi-museal konserviert wird. Stillleben. Die Wohnung ist fast ebenso fest verschlossen wie es der Behälter gewesen ist, der den Leib des Toten aufgenommen hat. Aber die geschlossenen Öffnungen sind nach wie vor öffenbar.
Fenster sind mehrfach schließ- und öffenbare Löcher in der äußeren Gewandung. Lebt der Mensch in seinen Gewandungen, so werden die Löcher seiner Gewandungen regelmäßig – unregelmäßig zugemacht und aufgemacht.
Da die Fensterläden zu Lebzeiten oft oder überwiegend geöffnet gewesen sind, haben sie neben den Fenstern die Mauer verdeckt. Diese Verdeckung haben sie gemäß ihrer eigenen Struktur geleistet: ihrer immanenten Anordnung von Öffnungen: zeilenförmig angeordneten schmalen horizontalen Schlitzen. Die geöffneten Fensterläden haben den Eindruck von Licht oder Staub auf die Mauer so reguliert, daß sich die Fensterläden auf der Mauer abgebildet haben. Abbildungen, die nur sichtbar sind, wenn die Fensterläden geschlossen sind. Die geöffneten Fensterläden würden ihre Abbildung fürs Auge unsichtbar machen (wiewohl nur die geöffneten Fensterläden diese ihre Abbildung ermöglicht haben – (und weiter ermöglichen würden).
Jetzt sieht man die Fensterläden und daneben ihre Abbildungen. Wo der Laden war, ist jetzt sein Bild.
2
Auch das zweite Stück des triadischen Ensembles zeigt ein Relikt von Lacan. Aus seinem gesprochenen Vortrag ist ein schriftlicher Text gemacht worden, der in ein Buch gedruckt worden ist. Sowohl der Abdruck wie auch die Zeilenförmigkeit und sogar die Doppelseitenstruktur des Buches haben Ähnlichkeiten mit den Fensterläden und ihren Abdrucken. Da die Physik des Buches schon anderswo abgedruckt ist, wiederhole ich sie hier nicht. (Physik des Sichtbaren, Politik des Sichtbaren. In: Tumult Zeitschrift für Verkehrswissenschaft 14: Das Sichtbare, 1990)
Wohl aber bemerke ich, daß die Übertragung eines mündlichen Vortrags in die Buchform nicht impliziert, daß die Schrift bloß eine nachträgliche Umformung des Sprechens ist. Spricht Lacan doch selber davon, daß er gleichzeitig mit dem Sprechen eine Zeichnung angefertigt hat. Und später hat sich Lacan sogar gerühmt, ein guter Zeichner zu sein. Indem er Freud einen schlechten Zeichner, einen Anstreicher, einen Metaphysiker genannt hat. (Jacques Lacan: „Was er vom Unbewußten sagt, ist nur Gefasel und Geschmier, d. h. Rückkehr zu der Mischung aus plumper Zeichnung und Metaphysik, die miteinander Hand in Hand gehen. Jeder Maler ist zunächst ein Metaphysiker darin, daß er schlechte Zeichnungen macht – er ist ein Anstreicher. Daher die Titel, die er seinen Bildern gibt.“ (Zitiert in Walter Seitter: Jacques Lacan und, Berlin 1984). Metaphysik – das ist: schlechte Physik.
3
Früher waren die Schriften im Abendland gerollt. Fotografien sind heute noch gerollt – zumindest in bestimmten Phasen ihrer Entstehung und Konservierung. Die Einrollung des Films ist – wie die Schließung des Buches – eine Technik der Unsichtbarmachung und der Verdichtung. Sie bewahrt davor, daß die Abdrucke die gesamte Weltoberfläche abdecken müssen. Eine leere Filmspule zeigt genauso viel Bild wie eine volle: nämlich keins. Also ist sie ein ziemlich gutes Abbild – eine verdünnte Statue – der vollen. Sie zeigt, daß die Bilder genauso unsichtbar sein können wie die anderen Dinge. Und sie läßt anderen Dingen Platz.
*Die Fotografie kann ebenso wie die Zeichnung oder die Rede eine Analyse sein, d. h. eine Physik.