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| August Ruhs |
| I) Cinq, rue de Lille. Wenn das schwere Portal ins Schloß gefallen is, verstummt plötzlich jeder Lärm. Zwischen diesem Augenblick und dem nächsten, der wieder ganz dem Auge gehört, kannst du bei gegebener Empfindsamkeit die Sekunde einer blauen Stunde erleben. Dann aber betrittst du die Bühne, auf welcher in der Totenstille der Seele das Drama des toten Vaters gespielt wird. Dein Schreien wäre sinnlos. Deinem „O möge doch!“ ist die Antwort bereits zuvorgekommen: Du hättest mich nicht gesucht, wenn Du mich nicht schon gefunden hättest. Aber täusche Dich nicht und freue Dich nicht zu früh. Wenn Du auch das Grab leer findest, so wirst Du dort, wo Du ihn vermutest, nur auf die Spuren seines Seins treffen. Ein Schatten, den die Sonne im Bild festgehalten hat. Gütiger grausamer einsamer Vater, nichtiger Fels, tosend umbrandet vom lautlosen Meer. Saint Cru de l’île. |
| II) Von allen höheren Sinnen bezeugt das Auge am eindrücklichsten, daß die Wahrnehmung stets vom Wunsch geleitet und gelenkt ist. In der Motilität des Auges und in seinen Öffnungs- und Schließungsvorrichtungen findet die Intentionalität des Subjekts ein privilegiertes Feld vor, um sich der Welt entsprechend seinen Bedürfnissen zuzuwenden, sich ihr aber auch, um sich zu schützen, zu entziehen. Dies ist aber nicht die einzige Voraussetzung dafür, daß der Blick von vornherein ein suchender ist. Die Punktförmigkeit seines ursprünglichen Objekts, das der Blick des anderen ist, leistet seiner Ratlosigkeit Vorschub, sodaß der Blick ein verkanntes Objekt par excellence darstellt. Daraus resultiert sein grundsätzlicher Argwohn, welcher bewirkt, daß hinter den geschauten Gegenständen stets ein anderes zu sehendes vermutet wird. So wird das Schauen zu einer höchst erotischen Angelegenheit, wodurch das Subjekt seinen Trieb begrenzen, die Befriedigung aufschieben und in die Bahn des Begehrens eintreten kann. In der permanenten Vernichtung einer Präsenz schreitet das vom Tod geführte Leben auf den Stufen der Absenzen fort. „Du willst etwas sehen?“ fragte der Künstler bei Lacan. „Dann sieh das!“ „Du willst mich sehen?“ fragt Lacan selbst. „Bedenke aber: Hinter dem Balken in meinem Auge wirst du nur die Splitter deines eigenen Begehrens finden“. |
| III) In einer ästhetischen Metaphorik hat Lacan einmal das Unbewußte als „Die Schöne hinter den Fensterläden“ bezeichnet. In einem Abschnitt seines elften Seminars, mit „Die Präsenz des Analytikers“ überschrieben, setzt er sich mit einer analytischen Praxis auseinander, welche ein Bündnis mit dem sogenannten gesunden Teil des Subjekts eingehen möchte und dabei verkennt, daß gerade dieses vernünftige Ich „die Tür, das Fenster, die Fensterläden … zumacht“ – also verkennt, „daß die Schöne, mit der man sprechen möchte, sich dahinter verbirgt und eigentlich keinen anderen Wunsch hat als den, daß die Läden wieder aufgemacht würden“. Lacan ist von Anfang an im Bilde und teilt mit dem Visuellen der Psychoanalyse wieder einen Wahrnehmungsraum zu, den sie lange Zeit zugunsten des Hörens vernachlässigen mußte: aus erkenntnistechnischen Gründen und weil außerdem Freud keineswegs ein sinnlicher Mensch war. Mit dieser Wendung ging eine Hysterisierung der Praxis einher, welcher die Ablöse eines bisweilen ans Zwanghafte grenzenden Rituals aufgetragen war, wodurch auch das Weibliche entschiedener ins Licht treten konnte. Im weiblichen Genießen findet es eine Positivität, welche die vermeintliche Kraft des Phallischen in die Schranken verweist und dessen Negativität bloßlegt: Zeichen eines Mangels zu sein. Da somit niemand weder den Platz des Phallus einnehmen noch ihn besitzen kann, läuft die Psychoanalyse notgedrungen auf eine Anerkennung des Mangels und der Kastration hinaus. Für den Mann bedeutet dies seine Feminisierung und für die Frau die Aufgabe der Illusion, daß „Einer“ vollkommen ist. Sagen wir, daß dies der androgyne Effekt einer gelungenen Analyse ist, welchen wir folgendermaßen schematisch darstellen wollen:
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